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Die Stimme des Patriarchats

Die Stimme des Patriarchats

Die Stimme des Patriarchats ist in meinem Kopf. Sie sagt: du bist nicht gut genug. Du strengst dich bloß nicht genug an. Das geht doch noch besser. Stell dich nicht so an. Wenn das geht, dann geht auch noch eins mehr. Du schaffst das alleine.

Die Stimme des Patriarchats in mir ist ein Antreiber. Ihr bin ich nie schnell genug, laut genug, fein genug, schlau genug, gebildet genug, reich genug, beschäftigt genug, schön genug, stark genug, gut genug.

Die Stimme des Patriarchats in mir beschäftigt sich gerne damit, was bald kommt, was noch zu erledigen ist, was ich in der Zukunft alles machen will, was ich sonst noch tun könnte, wer ich alles sein könnte. Sie verwendet besonders gerne die Wörter hätte, würde und könnte.

Die Stimme des Patriarchats in mir möchte gerne eine äußere Instanz zufriedenstellen. Das kann der Staat sein, oder die Eltern sein, oder die Gesellschaft. Die Kirche, die Vernunft, der Partner, die Freunde oder der Chef. Dieses Ziel will sie erreichen, indem sie mich Verboten, Regeln, Zwängen und Grenzen unterordnet. Sie verwendet besonders gerne die Wörter darf (nicht), kann (nicht), soll und muss.

Die Stimme des Patriarchats in mir lebt in einer Hierarchie. Sie bezieht ihre Identität daraus und kann sich nur selber fühlen, wenn sie sich mit anderen vergleicht. Sie findet in allem ein Gefälle, ein oben und ein unten. Sie verwendet besonders gerne die Wörter richtig, falsch, besser und schlechter.

Die Stimme des Patriarchats in mir sieht in Entscheidungssituationen oft nur zwei Möglichkeiten: gehorchen oder rebellieren. Das Richtige oder das Gegenteil davon. Sie verwendet besonders gerne die Wörter entweder und oder.

Die Stimme des Patriarchats in mir ist der Meinung, dass ich eine Maschine bin. Dass Perfektion möglich ist, und wenn ich diese nicht erlebe, dann ist das ganz allein meine Schuld. Sie verwendet besonders gerne die Wörter faul, anstrengen und (nicht) genug.

Wenn ich mich diese Wörter sagen höre, dann weiß ich, das ist jetzt nicht meine Stimme, die da spricht. Das bin nicht ich, die das denkt. Das ist die Stimme des Patriarchats, die so tief verwurzelt ist in der Kultur, in der ich aufgewachsen bin und in den Menschen, die mich geprägt haben, dass ich ganz lange nicht gewusst habe, dass es sie überhaupt gibt.

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